Dieser Artikel von Peter Greif ist in leicht abgeänderter Form schon im Greif Newsletter vom 03.07.2007 erschienen.

Immer wenn ich an dieser Stelle etwas schreibe, was nicht dem allgemeinen Konsens entspricht, bekomme ich böse Mails. "Das ist doch völlig unsachliches Mobbing gegen Pulser!", "Reine Polemik gegen Herzfrequenz-Messgeräte!" oder auch "Fehlende Modernität!". Es geht noch weiter! Ich solle doch die Konsequenzen ziehen und keine Pulser mehr verkaufen. Und das Ganze endet dann mit der Frage: "Oder geht es dabei etwa um Geld?"

Um das letzte gleich zuerst zu beantworten: Ja, es geht um Geld! Denn wie jede andere Firma müssen wir verdienen, um leben zu können. Und Geld ermöglicht uns eine gewisse Freiheit. Wir hängen in keinen Netzwerken und sind in keinem Einkaufsverband. Dafür kann ich aber hier an dieser Stelle meine Meinung schreiben, egal ob es anderen passt oder nicht.

Aber ist das jetzt Mobbing, Polemik und mangelnde Modernität? Letzteres brauche ich gar nicht zu kommentieren, aber Polemik? Ich kann jederzeit meine Aussagen belegen, also kann ich nicht polemisch sein. Denn gerade die kommt ohne Fakten aus. Und Pulser-Mobbing! Eigentlich ein Superwort. Wenn schon Kritik geübt werden soll, dann wäre die Bezeichnung für mich als "Pulserträger-Mobber" besser. :-)

Gegen die Pulser an sich, habe ich nun gar nichts. Nach meiner Herzoperation habe ich in jedem Training einen getragen, um meine Herz-Frequenz bestimmte Grenzwerte nicht überschreiten zu lassen. Denn dazu eigenet sich ein Pulsmessgerät ganz wunderbar, denn hier ging es darum das kranke Herz nicht zu überlasten. Wer aus welchen Gründen auch immer seine Frequenz in niedrigen Regionen halten muss, kommt am Pulsertragen nicht vorbei.

Meine Botschaft ist eigentlich eine ganz andere: Trage ein Pulsmessgerät, lasse dich aber nicht von ihm daran hindern schnell zu laufen. Wenn dieses Gerät sagt, deine Herz-Frequenz ist zu hoch, laufe jetzt langsamer und dein Körper meldet aber, dass du noch Reserven hast, dann vergiss die Krücke von Pulser und renne.

Was ich eigentlich meine und gegen was sich meine Klage richtet, ist das Ausbremsen lassen durch diese Geräte im höheren Leistungsbereich. Dieses Starren auf das Display, das Grenzwert-Überschreitungs-Gepiepe und die Ängstlichkeit etwas falsch zu machen, wenn der Puls zu hoch zu sein scheint. Damit behindern die Träger des Herzhorchers ihren eigenen Leistungsfortschritt.

Dazu auch eine Mail von A. W.: "Dein neuester Artikel bezüglich des sklavischen Gebrauchs der Pulsuhren spricht mir aus dem Herzen! Vor zwei Jahren habe ich für mich beschlossen, das Training ab sofort ohne Pulsuhr durchzuziehen und einfach nur auf mein Körpergefühl zu achten. Es funktionierte wunderbar und mit Hilfe deines Countdown-Plans und ohne pulskontrolliertes Training habe ich 2005 endlich die drei Stunden beim Berlin-Marathon geknackt. Seitdem habe ich keinen Pulsbrustgurt mehr angelegt, fühle mich viel wohler und horche auch mehr in meinen Körper rein. Das Training führe ich zwar auch nicht mehr so verbissen wie früher durch, lebe dafür aber viel bewusster.

Es ist schon oftmals richtig traurig, wenn ich mit anderen zusammen trainiere und diese dauernd ihren Puls kontrollieren oder gar zum Besten geben, dass sie nun aber langsamer werden müssen, da ihr Puls drei Schläge über den für diesen Tag vorgesehenen Maximalwert liegt! Als ich noch mit Pulsuhr lief, habe ich die Erfahrung gemacht, dass der Puls in Abhängigkeit vom Inhalt und Zeitpunkt der letzten Mahlzeit, von der Dauer des vorherigen Nachtschlafs, von den zuvor zugeführten Getränken und vielen anderen Faktoren abhängt. Auf Grund der großen Schwankungen bei der gleichen Art des Trainings bin ich vom "Pulsuhrglauben" letztendlich abgefallen."

Auch F. G. äußerte sich: "Ich habe soeben deinen Artikel gelesen und mir sind fast die Tränen gekommen!!! Ich bin zwar "erst" 31 Jahre jung, aber ich laufe jetzt wettkampfmäßig seit 20 Jahren und kann noch von der "Guten Alten Zeit" berichten.

Mein damaliger Jugendtrainer hat uns genau nach deinem Prinzip trainiert und ich bin ihm von ganzem Herzen dankbar dafür! Er hat uns dadurch auf unser jetziges Leistungsniveau gebracht und ich habe durch das Training ein hervorragendes Körpergefühl entwickelt!!!

Wenn ich jetzt die 'Spätberufenen', also diejenigen, die in der Jugend wenig Sport gemacht haben, aus unserer Gruppe sehe, dann kann ich nur noch mit dem Kopf schütteln. Fast ALLE trainieren mit Pulsmesser. Das nimmt teilweise extreme Formen an. So gut wie keiner ist im Wettkampf schneller als ich, und das obwohl einige definitiv mehr Talent haben!! Die blockieren sich selber!!"

Und hier sind wir genau beim Punkt um den sich alles dreht angekommen, dem Körpergefühl. Dazu möchte ich dir einige praktische Ratschläge geben. Wenn du noch ein relativ unerfahrener Läufer(in) bist und weiter nach vorn kommen möchtest, dann versuche einmal mit der Tempo-Dauerlauf-Methode zu trainieren. Dazu gehören natürlich noch dein bisheriges Programm, minus eines schnellen Laufs, den du eventuell schon machtest.

Die nachfolgenden Empfehlungen gelten nur für Gesunde. Wer am Herz-Kreislaufsystem erkrankt ist, sollte die Füße von diesem Training lassen. Ich empfehle grundsätzlich sich jedes Jahr einmal gründlich untersuchen zu lassen und dabei ein Belastungs-EKG nicht zu vergessen.

Suche dir eine Strecke, die du auf mindestens 15 km ausweiten kannst. Du wählst einen Startpunkt, lässt deine Stoppuhr laufen und rennst exakt 30 min was du kannst. Und zwar ohne Rücksicht auf deinen Pulser! Wenn der seine Stimme hebt, hau ihm eins auf die Klappe. Jetzt regiert dein Körpergefühl. Wichtig ist nur eines, du musst die ganze Zeit in einem gleichmäßigen Tempo mit nur geringen Schwankungen durchlaufen. Ausgenommen natürlich Steigungen und Gefälle.

Du kannst sicher sein, dass du innerhalb dieses gleichmäßigen Tempos im genau richtigen und leistungsförderndem Tempo läufst und das dies auch nicht ungesund ist.

Wenn du 30 min um hast, dann markierst du den erreichten Punkt (ganz wichtig!). In der nächsten Woche rennst du wieder 30 min auf dieser Strecke und versuchst mit vollem Einsatz, aber doch mit gleichmäßiger Geschwindigkeit weiter zu kommen als beim ersten Mal. Lege deine ganze Kraft und Willen hinein, hinter den ersten Zielpunkt zu kommen.

Das machst einmal in der Woche und zwar sechs Mal. Immer mit dem Ziel weiter zu kommen als beim letzten Mal. Dann stoppst du den 1/2-Stundenlauf für zwei Wochen und beginnst das Ganze von vorn, diesmal aber mit 45 min Tempodauerlauf. Du ziehst das noch einmal sechs Wochen lang durch und nutzt auch wieder die anschließende zweiwöchige Regeneration. Hast du auch dieses Programm hinter dich gebracht, dann gehst du an die ganze Stunde in dem gleichem Muster. Wenn auch du diese Einheiten abtrainiert hast, dann kann sich dein Holger Meier warm anziehen.

Du hast gelernt, deine Kräfte richtig einzuteilen, du weißt jetzt was du kannst. Du bist schneller, ausdauernder und härter geworden. Durch diese Schule musst du, wenn du ein/e komplette/r Läufer/in werden willst. Wenn du nicht durch diese Lehre gehst, bleibst du für immer an der Droge Pulser hängen.

Nun wirst du dich natürlich fragen: "Um Himmelswillen, kann ich mich mit so etwas denn nicht übertrainieren?" Du wirst dir die Antwort selbst kaum geben können, aber ich kann es. Ja, du kannst dich damit übertrainieren, aber das macht überhaupt nichts. Denn ein Übertraining heilt durch Ruhe ganz schnell wieder aus und du kommst trotzdem auf ein höheres Leistungsniveau.

Wenn du im Rahmen der oben beschriebenen Programme mehr als zwei Wochen nicht mehr deine Laufstrecke innerhalb der vorgegebenen Minuten verlängern kannst, dann hast du dein zur Zeit mögliches Anpassungspotential ausgeschöpft. Dann gehst du statt zwei für drei Wochen in die Regeneration und machst da weiter, wo du aufgehört hast. Und du wirst sehen, die km fliegen wieder nur so unter deinen Füßen weg.

Warum kannst du dich aber mit deinem höchstmöglichen Dauerlauftempo nicht überfordern? Wo doch so viele Leute immer wieder vor zu schnellen Läufen warnen? Diese Überforderung ist deshalb nicht möglich, weil dich dein Organismus ausbremsen würde, wenn du deine Möglichkeiten überschreitest. Wenn du zu schnell beginnst, arbeitet dein Körper vermehrt im anaeroben Bereich, damit produziert er Ermüdungsstoffe und Laktat. Diese drehen dir den Leistungshahn ab und du kommst nicht mehr vorwärts. So etwas nennt man Selbstregulation.

Deine Kunst, die du vielleicht noch nicht beherrscht, die du aber bei den Halbstundenläufen lernen wirst, ist genau zu wissen, mit welchem möglichst hohen Tempo du loslaufen und dies auch bis zum Ende durchbringen kannst. Man nennt das "genau an der Schwelle laufen". Mit diesem Training verbesserst du nicht nur deine Leistung, sondern du lernst deinen Körper viel besser kennen und kannst später den Leistungsbereich, in dem du trainierst, ganz genau einschätzen und zwar ohne Pulser.

Einfach wird es nicht, denn du wirst am Anfang meist zu schnell oder zu langsam loslaufen. Aber das macht gar nichts, du lernst das schon. 100000-e haben es vor dir auch geschafft. Fange an zu üben an der Schwelle zu laufen und lasse dich von Rückschlägen nicht aufhalten. Du wirst glücklich sein, wenn du das erste Mal 15 km genau am "Anschlag" (Läuferjargon für Tempolauf an der Schwelle) gelaufen bist.